P2A - Process to Application - oder doch umgekehrt
Am 4. Mai 2006 fand unsere fünfte Fachveranstaltung, diesmal im BA-CA Kunstforum statt. Das hochaktuelle Thema lautete „Process to Application“. Über 70 Teilnehmer verfolgten die Vorträge über das spannende Verhältnis zwischen Prozessgestaltung und Softwareentwicklung und beteiligten sich an der anschließenden Diskussion.
Der Einführungsvortrag von Dr. Gerhard Friedrich, Geschäftsführer der act MC und verantwortlich für den Geschäftsbereich Projekte und IT-Management, baute auf die These auf, dass Software-Entwicklung primär ein Kommunikationsproblem ist. Er stellte anschaulich dar, dass IT-Experten und Anwender mit unterschiedlichen Realitätsmodellen operieren und es daher Übersetzer braucht. Er stellte dar, warum das klassische Wasserfallmodell durch ein Spiralmodell des Vorgehens ersetzt werden muss. Den Vortrag gibt es als Download hier.
Aus der Praxis in der öffentlichen Verwaltung berichtete MR Dr. Oswald Kessler, Bundesministerium für Inneres. In seinem Vortrag „Geschäftsprozessanalyse als Treiber des IT-Einsatzes“ bot er Einblick in spannende Projekte wie „E-Government 2010“ oder der Errichtung eines zentralen Melderegisters. Auch wenn diese Projekte bereits weitgehende Änderungen der Prozesse umsetzen konnten, zeigte Dr. Kessler anhand praktischer Beispiele auf, dass die Verwaltung noch viel stärker dem Bürger entgegenkommen könnte. Anträge, Vorlage von Dokumenten, Wege zum Amt seien Relikte des Obrigkeitsdenkens und sollten nicht durch IT-Systeme unterstützt, sondern vorweg beseitigt werden.
Dipl. Ing. Wolfgang Käferböck, CIO bei der Mondi Business Paper Holding, beleuchtete die „Geschäftsprozessanalyse als Treiber des IT-Einsatzes“ aus der Sicht der Industrie. Dabei lautete das Motto „IT follows Process“, welches er anhand zahlreicher Praxisbeispiele aus dem IT-Betrieb und der Applikationsentwicklung bei Mondi dokumentierte. Die Herausforderung bei einem multinationalem Industriekonzern liege in der Unterschiedlichkeit der Anforderungen betonte Dipl. Ing. Käferböck. Er fasste seine Erfahrungen im Rahmen diverser Projekte so zusammen: „Der Wert einer Applikation hängt letzten Endes vom konkreten Unternehmensumfeld ab, Pauschalierungen sind nicht effizient und die genaue Kenntnis der hausinternen Geschäftsprozesse ist unumgänglich“ womit er die Thesen des Einführungsvortrages unterstrich.
Aus der Erfahrung in der Prozessoptimierung mit Standard-Software referierte Erich Albrechtowitz, Leiter der Stabstelle Software Engineering im Bundesministerium für Finanzen. Er berichtete über die bundesweiten Projekte zur Einführung von SAP-Systemen für die Haushaltsverrechnung und das Personalmanagement des Bundes. Gerade wenn die Softwarelösung standardisiert ist, kommt der Gestaltung der Geschäftsprozesse umso mehr Bedeutung zu. Albrechtowitz erweiterte den Prozessfokus um die Prozesse zum Betrieb der Anwendungen, die ebenfalls zu redesignen sind, wenn so ein Projekt erfolgreich sein soll.
Vorstandsdirektor Dr. Jani Oswald von der Allianz Versicherung AG berichtete aus der Perspektive eines Finanzdienstleisters über das Zusammenspiel von Geschäftsprozessgestaltung und der Entwicklung einer maßgeschneiderten IT-Applikation in seinem Unternehmen. Seiner Erfahrung nach liegt der wichtigste Hebel hier bei der Effizienzsteigerung in den administrativen Prozessen, die in hohem Maße standardisiert und nachfolgend automatisiert werden müssen. Für planerische und dispositive Prozesse gelten andere Prioritäten und Regeln. Der wesentliche Beitrag der IT war der Aufbau einer Datenarchitektur, in der der Kunde im Mittelpunkt steht. Das ist die Grundlage für ein effizientes Customer Relationship Management. Damit bestätigte er anschaulich den Wert eines Dialoges zwischen Anwendern und IT und schloss mit der Erkenntnis, dass Hartnäckigkeit („Dran bleiben“) für alle Beteiligten und vor allem für das Top-Management der entscheidende Erfolgsfaktor ist.
Den thematischen Bogen schloss Mag. Christian Eder, CIO der ÖBB Personenverkehr AG indem er den Aufbau einer neuen IT-Architektur für die künftige Vertriebsunterstützung seines Unternehmens schilderte. Hier steht das Schaffen von neuen Optionen für die künftige Neugestaltung der Geschäftsprozesse im Vordergrund, die IT-Experten schaffen in einem intensiven Dialog mit den Anwendern aber auch durch Analyse internationaler Erfahrungen die Grundlagen für künftige Prozessinnovationen. Das Lösungskonzept sieht eine sorgfältig geplante Kombination von Standard-Software und Eigenentwicklungen vor.
Die abschließende Diskussionsrunde von Vortragenden und Teilnehmern widmete sich vor allem den kritischen Erfolgsfaktoren des Weges von Geschäftsprozessen zu IT-Applikationen. Enge Zusammenarbeit statt einem Neben- oder gar Gegeneinander wurde nochmals anhand von praktischen Beispielen als erfolgsversprechendster Ansatz bestätigt.
Den kulturellen Rahmen bildete die aktuelle Ausstellung des BA-CA Kunstforums „Verrückte Liebe – von Dalí bis Bacon“. Diese private Sammlung surrealer Kunst fand großen Anklang, wohl auch, weil deutlich wurde, in wie hohem Maße die Kommunikation zwischen Künstlern und Publikum die notwendige Grundlage für die Entfaltung von Phantasie und Kreativität ist; so manche Assoziation mit den beruflichen Erfahrungen wurde geweckt.
Mit informellen Gesprächen am Buffet klang diese Veranstaltung am späteren Abend aus.
Lassen Sie die Veranstaltung Revue passieren mit einer Slideshow.
|