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Sourcing 2.0 - Zwischen Pflicht und KürIm Museum Moderner Kunst (MUMOK) im Wiener Museumsquartier haben wir am 10. Mai 2010 einen seit Gründung der act MC zentralen Themenbereich in einer Fachveranstaltung mit Top-Managern verschiedener Branchen diskutiert. Nahezu 100 Gäste demonstrierten deutlich, dass wir ein aktuelles und für viele interessantes Thema getroffen hatten.
Mag. Werner Kolarik, Partner der act MC und seit Jahren führend beim Aufbau von Shared Services tätig, skizzierte in seinem Einleitungsreferat die aktuellen Herausforderungen an einen zeitgemäßen Sourcing-Ansatz. Dieser müsse in ein Gesamtkonzept der Unternehmensführung eingebettet sein, punktuelle Optimierungsansätze etwa aus Kostengründen werden den heute gegebenen Notwendigkeiten und Möglichkeiten nicht gerecht.
Sourcing 2.0 definierte er daher als einen gesamthaften Sourcing-Ansatz, der alle Formen der internen und externen Leistungserbringung optimiert – von der strategischen bis zur operativen Ebene. Outsourcing, oft mit Sourcing gleichgesetzt, ist nur eine Variante der Beschaffung von innerbetrieblichen Leistungen und selbst dabei kann das Partnermodell, der geografische Fokus und die Leistungstiefe unterschiedlich gestaltet werden.
Werner Kolarik schloss sein Referat mit einer Liste von Do's und Don'ts ab. Zu letzteren zählt etwa das Unterschätzen der
Bedeutung des „kulturellen Fit“ mit externen Leistungsanbietern oder des Transitionsprozesses. Eine zentrale Empfehlung ist
daher, Sourcing-Beziehungen als Partnerschaft zu managen und frühzeitig Erwartungen anzugleichen. Die Unterlagen zu diesem Vortrag finden Sie hier.
Hubert Wackerle, Geschäftsführer der ITSV GmbH, dem Shared Service Center für IT-Leistungen der österreichischen Sozialversicherungen, schilderte eindrucksvoll die Entwicklung von einer kleinen Steuerungs GmbH im Jahr 2005
bis zur Zusammenführung der 3 Zielrechenzentren (WGKK, OÖGKK und HVB) in die ITSV im Jahr 2009 und die Übertragung von Standardprodukten im Jahr 2010. Die Erwartungen der SV-Träger als Kunden an die ITSV beinhalten vor allem die Vereinheitlichung der für die fachlichen Prozesse zu nützenden Software, IT-Kostentransparenz und IT-Kostendämpfung, Service-Optimierung und eine erhöhte Flexibilität. Hubert Wackerle betonte, dass stets die Erhöhung des DB durch Kostensenkung und das Anbieten eines Mehrwertes für die Geschäftsprozesse der Kunden gleichermaßen als Ziele zu verfolgen sind. Die im Vergleich zu anderen Branchen hohe Loyalität der MitarbeiterInnen zum Unternehmen nannte er als eine wertvolle Ressource, die es zu nutzen gilt.
Mag. Christian Eder konnte als Geschäftsführer der Postbus GmbH einleitend auf die enorme Präsenz des Unternehmens in allen Regionen Österreichs und den engen Gestaltungsspielraum des Unternehmens bei der Gestaltung von Leistungsangebot und Preis verweisen. Umso wichtiger war eine konsequente Fokussierung auf das Kerngeschäft, das ist
die kundenorientierte Fahrplanung und das Verkehrsmanagement. Traditionell gewachsene Leistungsbereiche wie z.B. Tankstellen, Waschstraßen, Wartung und Reparatur, Reifenverkauf und sogar eine Fahrschule wurden im Gegenzug abgebaut. 30.000 Fahrten pro Tag erfordern eine permanente Prozessoptimierung. Das Sourcing der Fahrleistung erfolgt in einer durchdachte und flexible Kombination von eigenen Bussen und bedarfsorientiert zugekauften Reisebussen, Kleinfahrzeugen und Taxis externer Anbieter. Fahrgastinformation und die Nebenprozesse Buchhaltung, Einkauf, IT, Immobilienmanagement etc. werden als Shared Services im Konzern beschafft. Den entscheidenden Wettbewerbsvorteil kann sich der Postbus nur durch Innovationen erarbeiten,
die vor allem den Fuhrpark, das Verkehrsmanagement und die Fahrgastinformation
betreffen.
Mag. Richard Grasl, kaufmännischer Direktor des ORF leitete seinen Vortrag mit einem Zitat aus dem ORF Almanach des Jahres 1995 ein:
"Die Organisationsstruktur des ORF muss mittel- und langfristig den Notwendigkeiten eines voll im Wettbewerb stehenden Unternehmens entsprechen“, so der damalige ORF-Generalintendant Gerhard Zeiler. Damals wurde mit der Gründung von Tochtergesellschaften begonnen wie z.B. der allseits bekannten GIS für das Inkasso der Rundfunkgebühren. Flexible Sourcing-Lösungen für Kamerateams im Fernsehen oder der Einsatz von Eigen- Misch- und Fremdproduktionen je nach Situation charakterisieren die Strategie des ORF-Managements zur bestmöglichen Erreichung der Produktivitätsziele des ORF. Dazu gehört auch eine konsequanete Kategoriersung der Beteilungen des ORF entsprechend den damit zu erreichenden Zielen: Ertragsoptimierung für den ORF, Abwicklung von Serviceleistungen und gesetzlichen Aufträgen, Nützen von Wachstumsmöglichkeiten und dadurch positiver Beitrag zum Konzernergebnis durch Wertsteigerungen oder strategische Beteiligungen wie z.B. APA.
Der Leitsatz des Strategiepapiers ORF 2015 stellt klar: "Kerngeschäft des ORF ist die Content-Produktion“. Alle anderen Unternehmensbereiche müssen hinterfragt und gegebenenfalls ausgelagert werden.
Dr. Gerhard Popp, Sektionschef für IT und Kommunikation im Bundesminiserium für Finanzen
(BMF) bezieht sich einleitend auf den politischen Auftrag der Bundesregierung, die Effizienz der Verwaltung durch
Konzentration von Services (Shared Services) zu steigern. Beachtliche Erfolge konnten bereits im E-Government (z.B. help.gv.at, FinanzOnline, Unternehmensserviceportal) und durch ressortübergreifende IT-Verfahren (z.B. Personalmanagement, Haushaltsverrechnung, ELAK, Zahlungsverkehr) erreicht werden. Eine der Top-Anwendungen wurde vom BMF
aufgebaut: FinanzOnline ist ein Service für BürgerInnen, Unternehmen und Gemeinden mit derzeit 2,2 Mio. TeilnehmerInnen, jährlich 1 Mio. ArbeitnehmerInnenveranlagungen und 6 Mio. Familienbeihilfeauszahlungen. Bereits über 80% der Steuererklärungen werden über dieses System abgewickelt, es unterstützt die EU-weite Vorsteuerrückerstattung und die Abgabe der Kommunalsteuererklärungen. Das BMF bietet auch Services anderen Ministerien an, so z.B. den elektronischen Personalakt, Mitarbeiter Self-Services und VoIP. Ad hoc ergänzte Dr. Popp seine Angebotspalette und schlug vor, das geplante Ausweichrechenzentrum des ORF als Shared Service mit dem Bundesrechenzentrum zu realisieren.
Gerhard Zeiler, CEO der RTL Group berichtete über die Sourcing-Strategien von Europas Nr. 1 im Bereich TV und Radio, gleichzeitig ein global tätiger Konzern für Content-Produktion und -Vertrieb.
45 TV Sender in 11 , 31 Radiostationen in 7 , Produktionsstandorte in 22 Ländern und Export von Programmen in mehr als 150 Länder machen die Komplexität dieser Aufgabenstellung deutlich. Gerhard Zeiler stellte die Prinzipien der Unternehmensführung als Erfolgsfaktor in den Vordergrund. Dazu gehören bei RTL Dezentralisierung und gleichzeitig Controlling-Orientierung (Zielvereinbarung und Überprüfung der Zielerreichung) aber auch die Abwehr von "Misserfolgsvermeidungsdenken", einem Begriff, der trotz Englisch als Konzernsprache genau so in die Liste der zentralen Werte eingegangen ist. Zentral werden allerdings die Budgets für Innovationen verwaltet, je nach Bereich erweisen sich unterschiedliche Regionen als optimales Testfeld. Direkt auf Sourcing-Entscheidungen bezogen sind Leitsätze wie: "
Who pays, buys", also einer hohen Autonomie und gleichzeitig Verantwortung des jeweiligen Auftraggebers von Leistungen. Die Gestaltung des Programms, der Verkauf von Werbezeit sowie das Controlling wird in keinem Fall ausgelagert, Back-Office, Distribution und Produktion stehen zur Disposition. Da die Marktgegebenheiten für die Medienbranche von Land zu Land völlig unterschiedlich sind, fallen diese Entscheidungen jedoch in die Kompetenz des regionalen Managements und damit auch in deren Erfolgsverantwortung.
In der abschließenden Podiumsdiskussion, die von Dr. Gerhard Friedrich, Geschäftsführer der act MC, moderiert wurde, ging es vor allem um den Vergleich der unterschiedlichen Strategien und Erfahrungen. Deutlich war zu erkennen, dass die Best Practices heute kaum mehr Unterschiede in Abhängigkeit von Branchen aufweisen. Konzentration auf das Kerngeschäft, das richtig abgegrenzt werden muss einerseits und flexibles Handeln in allen anderen Bereichen sind das Erfolgsgeheimnis gleichermaßen im privaten und im öffentlichen Sektor.
Nach der Podiumsdiskussion stand eine Führung durch die aktuelle Ausstellung "Changing Channels - Kunst und Fernsehen 1963–1987" auf dem Programm. Die Auseinandersetzung von Künstlern mit dem neuen Medium war von der Frage nach dem Wesen dieses Mediums gekennzeichnet, wie es z.B. in dem berühmten Statement von Marshal McLuhan zum Ausdruck kommt: "The medium is the message". Überraschende Parallelen zur Frage nach dem Kerngeschäft wurden deutlich. Die vielfältigen Eindrücke aus den Vorträgen und der Ausstellung regten unsere Gäste noch länger bei kulinarischer Begleitung zu angeregten Diskussionen an.
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